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1950er
Alles auf Anfang

Die Not der Wissenschaftler war groß: Statt Machtfaktor wie einst war die Wissenschaft nun so lebensnotwendig wie Obdach und Nahrung. Ein neuer Stifterverband wurde gegründet – wieder mit dem Ziel, die Wissenschaft zu fördern, und dennoch verändert in seiner Ausrichtung.

Foto: Photo-Holtmann, Stuttgart
Gründerväter des neuen Stifterverbandes: Richard Merton (Metallgesellschaft, re.) 1953 mit seinem späteren Nachfolger als Vorstandsvorsitzender des Stifterverbandes, Ernst Hellmut Vits (Vereinigte Glanzstoff-Fabriken)

 
Deutschland 1945: Der Krieg ist vorbei, viele Städte sind in Trümmern, die Wirtschaft liegt am Boden. Und das einst so starke deutsche Wissenschaftssystem – es existiert nicht mehr. Viele wissenschaftliche Talente waren gefallen, in Kriegsgefangenschaft, emigriert oder in KZs ermordet worden. Andere, die die Nationalsozialisten unterstützt und sich direkt oder indirekt an deren Gräueltaten beteiligt hatten, kamen in Haft. Ebenso viele Industrielle, die kriegsnah gearbeitet hatten. Zu ihnen gehörte beispielsweise Stahlmogul Albert Vögler, der 1934 stellvertretender Vorsitzender des alten Stifterverbandes geworden und von 1941 bis Kriegsende Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gewesen war. Er entzog sich den US-Soldaten im April 1945 allerdings durch Selbstmord. Dutzende weitere Industrielle mussten sich in den Nürnberger Nachfolgeprozessen ab 1947 verantworten: im Flick-Prozess, I.G.-Farben-Prozess, Krupp-Prozess. Konzernvermögen waren eingefroren und jegliche Forschung ohne Erlaubnis der Alliierten verboten.

Auch Universitäten mussten ihre Forschung genehmigen lassen. Was tendenziell kriegswichtig erschien, blieb untersagt. Zudem hatten die größenwahnsinnige Rassenideologie der Nationalsozialisten und ihre tonnenschwere, anwendungsnahe Kriegsforschung die freie Grundlagenforschung in vielen Bereichen erstickt. Der Aufbau eines neuen Wissenschafts- und Wirtschaftssystems stand also unter denkbar ungünstigen Bedingungen. Historiker wie Winfried Schulze sind überrascht, wie schnell die Rekonstruktion der deutschen Wissenschaftslandschaft dann doch gelang – trotz hoffnungsloser Ausgangslage, alliierter Kontrolle und Patentverlusten der Industrie.

Heute scheint unser Wissenschaftssystem nicht anders denkbar zu sein. Seine Struktur sei aber 1948 bis 1955 entstanden – ohne jeden größeren Plan, so Schulze, und in zum Teil heftigen Auseinandersetzungen: "An denen waren weniger die politischen Parteien als vielmehr der Bund, die Länder, die Wissenschaft selber und nicht zuletzt auch die Wirtschaft vor allem in Form des Stifterverbandes beteiligt."

Die Kriegszerstörung der westdeutschen Hochschulen hat der Stifterverband 1952 in einer Grafik veranschaulicht.
Seit seiner Gründung zählt die Analyse des deutschen Wissenschaftssystems zu den Hauptaufgaben des Stifterverbandes.

Wissenschaft ist Arbeit und Brot

1918 galt die Wissenschaft noch als der einzige Machtfaktor, der den Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg geblieben war. Dieses Verständnis hatte sich nach 1945 grundlegend gewandelt: Man sah in Wissenschaft nun einen Garanten für Arbeit und Brot. Sie war trotz akuter Notsituation keinesfalls Luxus, sondern wie Obdach und Nahrung lebensnotwendig. Wissenschaft galt als der einzige Weg raus aus der Not und ihre Förderung als Gebot der Stunde. Als ein Rettungsanker für die deutsche Wissenschaft erwies sich zunächst der Marshallplan. Das große Konjunkturprogramm der Amerikaner, mit dem die deutsche Wirtschaft angekurbelt werden sollte, sah auch Geld für die Wissenschaft vor. Natürlich wollten die Alliierten damit vor allem Talente und zukunftsweisende Forschung in ihrem jeweiligen Sektor halten. In lokalen Unternehmen und Instituten mussten aber auch Anlagen und Einrichtungen, die zuvor Kriegszwecken gedient hatten, möglichst schnell auf friedliche Verhältnisse umgestellt werden. Das verschlang zwar alliiertes Geld, brachte aber auch Stabilität. Im Rückblick fällt auf, dass sich so bereits ein ländernahes Fördersystem für die deutsche Wissenschaft etablierte – bevor die Bundesrepublik überhaupt entstand.

 

Das Tauziehen um den Stifterverband beginnt

Erste laute Rufe, dass das Land wieder eine Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft wie nach dem Ersten Weltkrieg brauche, kamen 1947 von Professoren aus den Universitäten. Zwei Jahre später war die Notgemeinschaft Realität, die Kultusminister der Westzonen-Länder gründeten sie am 11. Januar 1949. Ohne Frage sollte es auch einen neuen Stifterverband geben, der erneut, wie in der Weimarer Zeit, Spenden sammeln und en bloc an die Notgemeinschaft überweisen sollte. Diesmal könne er gern noch enger als sein Vorgänger auf die Bedürfnisse der Notgemeinschaft ausgerichtet sein, dachten deren Gründer.

Dieser Wunsch erfüllt sich nicht. Der Stifterverband wird zwar 1949 gegründet – allerdings als freier Verband und nicht bloß als ein Anhängsel der Notgemeinschaft. Das hierfür zugrunde liegende Konzept hatte der Pädagoge und Wirtschaftsfunktionär Herbert Studders entwickelt. Er stellte es im April 1948 Richard Merton vor, einem weltoffenen Industriellen, Stifter und Politiker jüdischer Abstammung, der gerade aus der englischen Emigration zurückgekehrt war und als Vorstandsvorsitzender die Metallgesellschaft AG in Frankfurt am Main leitete. Um beide Männer formierte sich ein Gründerkreis der Wirtschaft – der sogenannte Schönberger Kreis. Merton übernahm die Leitung. Ihn störte an der Notgemeinschaft die starke Stellung der Kultusminister und damit des Staates. Aus seiner Sicht bestand deshalb die Gefahr, dass "politische Instanzen und deren bürokratische Vertreter" das entscheidende Wort sprechen könnten, was er ablehnte. Merton schwebte stattdessen ein "gebührender Einfluss der Wirtschaft" auf die Mittelvergabe vor.

So ist es kein Wunder, dass der Stifterverbandsgründung teilweise heftige Kontroversen vorausgingen. Im Raum stand die wichtige Frage, wer welchen Zugriff auf die Spenden der Industrie bekommt. Es gab ein munteres Tauziehen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, zwischen Institutionen mit Grundlagenforschung und angewandter Forschung, zwischen Bund und Ländern – und mittendrin stand der Schönberger Kreis. Am Ende setzte sich der Wunsch der Industrie durch, dass der neue Stifterverband eine gewisse Distanz zur Notgemeinschaft wahren würde.

Die Gründung des neuen Stifterverbandes erfolgte am 22. September 1949 in Frankfurt als Gesellschaft für Forschung und Lehre. In den Vorstand wurden neben Richard Merton Fritz Gummert, Vorstandssprecher der Ruhrgas AG, Ernst Hellmut Vits, Generaldirektor der Wuppertaler Glanzstoff-Fabriken, Hermann Reusch, Vorstandsvorsitzender der Gutehoffnungshütte AG in Oberhausen, und Hermann Bücher gewählt, Vorstandsvorsitzender der AEG. Richard Merton übernahm den Vorsitz.

Es gibt keinen besseren Weg, dem sozialen Aufbau unseres Zeitalters gerecht zu werden, als durch die Förderung von Forschung und Lehre – nicht auch zuletzt durch die Förderung der Geisteswissenschaften.

Richard Merton

Vorstandsvorsitzender des nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründeten Stifterverbandes

Die Neuausrichtung des Stifterverbandes

Die Mehrheit der Gründer wollte den Stifterverband als eine zentrale Schaltstelle für industrielle Spendengelder zwischen Wirtschaft und Wissenschaft etablieren. Man wünschte sich schlichtweg eine bedeutende forschungspolitische Machtposition für den Verband. Diese Position zu erreichen war erklärtes Ziel in den ersten Gründungsjahren. Schon 1952 galt der Stifterverband tatsächlich als anerkannte Instanz in der deutschen Wissenschaftspolitik.

Zu den zentralen Aktivitäten des Stifterverbandes zählte in den 1950er-Jahren das sogenannte Registrieren und Schleusen: Alle Wirtschaftsspenden an die Wissenschaft sollten möglichst über den Verband laufen. Dessen Mitglieder wollten für Transparenz sorgen, bekamen so aber auch wertvolle Informationen, die in wissenschaftspolitischen Diskussionen Gehör und Mitsprache sicherten. Spendenverläufe, Defizite, Überförderung in der Wissenschaft? Der Verband legte die entsprechenden Zahlen auf den Tisch.

So illustrierte der Stifterverband die Defizite in der Wissenschaftsförderung: "Der Staat gibt jede Woche von meines Vatis Steuern 25 Pf für die Wissenschaft. Mein Vati gibt mir jede Woche 50 Pf für Bonbons. Ich finde beides zu wenig ..."

 
Doch die Not der Wissenschaftler blieb weiterhin groß. Um sie stärker unterstützen zu können, warb der Stifterverband nun zusätzlich zur Industrie bei Mittelstand, Organisationen und auch bei Bürgern um Spendengelder. Für Letztere war der Stifterverbandsslogan der 1950er-Jahre gedacht, denn die Öffentlichkeit sah Wissenschaft weiterhin eher als eine Art Luxusproblem: "Was heute nicht für die Wissenschaft getan wird, das wird morgen für die Menschen ohne Brot und Arbeit getan werden müssen."

Gestaltet hat die Verbandsgeschäfte von 1950 bis 1965 Ferdinand E. Nord, ein Staats- und Wirtschaftswissenschaftler, der einer Versicherungsgruppe vorgestanden und als Oberst gedient hatte. Nord rückte wie einst in den 1920er-Jahren die Nachwuchsförderung in den Fokus der Spendenvergabe. Lediglich der Elitefokus dieser Förderung geriet über die Jahre ins Wanken. Angesichts der akademischen Massenausbildung in der Sowjetunion schrieb der neue Vorsitzende Ernst Hellmut Vits 1957 in einem Brief: "Wir können uns – was den Zugang zu unseren Hochschulen anbetrifft – nicht in Wunschvorstellungen und Bildungsidealen vergangener Epochen einspinnen."

Maecenates voco – Ich rufe die Gönner: Dieser Leitspruch zierte über viele Jahre das Logo des Stifterverbandes.

In seiner Spendenpolitik ging der Stifterverband jedoch andere Wege. Statt wie früher bloß die Zinsen zu verteilen, gingen die Spenden nun rein und wieder raus. Damit unterwarf sich der Stifterverband zwar einer Nagelprobe, weil er jetzt jährlich auf die Spenden der Wirtschaft angewiesen war. Letztendlich konnte er so die Arbeit aber lebhafter und innovativer gestalten.

Fritz Berg, der erste Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, hatte hierfür eine zündende Idee: Er schlug eine Belegschaftsumlage der Verbände vor – 20 Pfennig pro Beschäftigten. Der Coup gelang, und der Stifterverband bekam etwas mehr Planungssicherheit für seine jährlichen Einnahmen. Bei der Mittelvergabe verzichtete der Stifterverband dann allerdings auf eine eigene Vergabepolitik.

Die Mittel flossen, wie in den 1920er-Jahren, en bloc an die Organisationen der Wissenschaft, die selbstverwaltet waren: vorrangig an die Notgemeinschaft, die später Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hieß, aber auch an die Max-Planck-Gesellschaft, den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), die Studienstiftung des deutschen Volkes sowie die Alexander von Humboldt-Stiftung – Organisationen, die der Stifterverband noch heute unterstützt.

Die wilden Zeiten des Aushandelns waren vorbei. Im deutschen Wissenschaftssystem herrschte weitestgehend wieder Vertrauen unter den Organisationen.

Foto: Rudolph/Stifterverband-Archiv
Jahresversammlung des Stifterverbandes 1957 in Wiesbaden mit Bundeskanzler Konrad Adenauer als Ehrengast